Das neue Normal.

Drei Jahre später. Es hat mehr Zeit gebraucht als gedacht. Aber so ist das eben. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

Neulich war ich mit meinem Sohn im Schwimmbad. In einem ganz gewöhnlichen Bikini. Ohne Epithesen. Das Wasser ist mein neues Element. Ich habe keinen fortgeschrittenen Schwimmstil erlernt, aber ich genieße es sehr, die ganze Reichweite meiner Arme (wieder) nutzen zu können. Auf dem Rücken schwimmend die Mauersegler bei der Jagd zu beobachten. Oh ja. Und ich habe eine kleine persönliche Mutprobe bestanden und bin vom 3-Meter-Turm gesprungen.

Als wir gerade gehen wollten, näherte sich eine Frau mit zwei Krücken dem Beckenrand. Sie hatte nur noch ein Bein. Einmal im Wasser bewegte sie sich deutlich schneller und eleganter als ich. Vor der Umkleidekabine stand ihr Rucksack auf einer Bank und daneben lehnte eine Beinprothese, bekleidet mit einer langen Hose und einer Sandale. Das war ein ungewöhnlicher Anblick, aber er hatte auch etwas sehr Selbstverständliches: Die Prothese nützt beim Gehen, aber behindert beim Schwimmen, also wird sie abgelegt. Auch wenn dann jeder sieht, dass ein Bein fehlt. Etwas anderes reklamiere ich nicht für mich: Dass ich die fehlende Brust nur dann mit einem Aufbau oder eine Epithese ersetze, wenn ich mir davon einen konkreten Nutzen verspreche. Dass ich den „Ersatz“ jederzeit loswerden/ablegen kann, wenn er mich behindert. Ohne dafür jemanden um Erlaubnis zu bitten. (Man stelle sich vor, alle brustlosen Frauen würden ihre Epithesen samt BH am Beckenrand ablegen, bevor sie auf den 3-Meter-Turm steigen und zum Sprung ansetzen. Wofür bräuchten sie wohl mehr Mut?)

Ich habe für mich persönlich meinen Frieden gemacht und ich kann mir kaum noch etwas anderes als meinen brustlosen Oberkörper vorstellen. Ich habe in den letzten Jahren viele Frauen kennengelernt, die sich – aus ähnlichen Gründen wie ich – gegen einen Brustaufbau entschieden haben. Brustlose Frauen werden allmählich sichtbarer. Es gibt inzwischen mehrere Label, die Wäsche für ein- und beidseitig brustlose Frauen anbieten, z.B. Alibi Lingerie aus Kanada, Les Monocyclettes aus Frankreich, Evolé aus den Niederlanden, La Bralette aus Mexico,  Skarlette aus UK oder Lola aus Spanien. Die Bikinis von eikii gibt es nicht mehr nur in Schwarz, sondern auch in leuchtenden Farbkombinationen und die Frauen von Complétement Femme aus Frankreich haben direkt ihre eigene Bademode entworfen. (Ich habe nichts von dieser unbezahlten Werbung, nur Freude 🙂 .)

Ich könnte aufhören, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Mich anderen wichtigen Dingen des Lebens zuwenden. Aber ich höre immer noch/wieder haarsträubende Berichte von Frauen, die die Erfahrung machen, dass Ärzt/innen sie bevormunden, anstatt wertfrei und umfassend über alle Möglichkeiten zu informieren, dass Ärzt/innen den Frauen Steine in den Weg legen, anstatt sie bei der höchst individuellen Entscheidung zu unterstützen. Ich höre von Frauen, die permanent kämpfen und ihre Energie damit vergeuden müssen, damit ihr Wunsch wirklich ernst genommen wird. Ich höre von Frauen, die sich jahrelang herum quälen mit Korrekturoperationen, schlecht heilenden Wunden, bleibenden Einschränkungen und immer noch im Glauben gelassen werden, dass die nächste OP zum Brustaufbau ganz bestimmt die letzte sein wird. Das macht mich so wütend!

Und deswegen bleibt es doch ein Thema. Allerdings nicht im Alleingang, sondern mit AMSOB e.V. Damit es die, die nach uns kommen, nicht mehr so schwer haben. Damit alle Frauen umfassend beraten, selbstverständlich in ihrer persönlichen Entscheidung unterstützt und entsprechend operiert werden – auch wenn sie sich gegen einen Aufbau entscheiden. Dass das durchaus möglich ist, berichten Frauen, die in ihrer Klinik, bei ihren Ärzt/innen in guten Händen waren.