Über die Schönheit

… der Vergänglichkeit

Im Großen und Ganzen erlebe ich die Welt um mich herum als eine, in der viele unterschiedliche Vorstellungen von Schönheit ihren Platz finden. Die Vielfalt ergibt sich nicht nur daraus, dass die Geschmäcker verschieden sind, sondern sie entsteht auch, weil es so unterschiedliche Aspekte von Schönheit gibt. Schön ist die Energie der Jugend, schön ist die Symbiose von Charakter und Anmut, Weisheit und Stärke können schön sein in ihrer Allianz… Was ich selbst schön und anziehend finde, kann für eine/n andere/n weniger ansprechend oder abstoßend sein.

Äußere Schönheit ist für mich eigentlich kein Lebensthema, nichts das mich umgetrieben hat. Erst der drohende Brustverlust hat dazu geführt, dass ich mich mit der Frage beschäftigt habe, welche Teile von mir wichtig sind in meiner Gesamterscheinung.

Frauen haben große und kleine Brüste, junge und alte, spitze und breite, schlaffe und pralle – damit rechnet jeder. Aber gar keine? Oder nur eine? Ist dieser Zustand noch Teil des „normalen“ Spektrums von Schönheit?

Wer bin ich ohne Brust? Ein Freak, von dem man sich abwendet? Bei jeder ersten Begegnung wieder?

Warum wählen Frauen ausgerechnet nach einer Brust(krebs)erkrankung den Blick von Außen, die Frontalperspektive, den Selfi-Blick auf ihren Oberkörper?

Ich denke, dass Fotografie ein gutes Mittel ist, sich mit Veränderungen auseinander zu setzen, sie festzuhalten oder zum Ausdruck zu bringen. Allerdings frage ich mich, warum in einer Situation des Verlusts (der Brust) Fotos entstehen und gezeigt werden, die bestenfalls als trotzige Erwiderung auf die sonst üblichen Selfies verstanden werden können. Was seine Berechtigung hat, als Ausgleich neben den Unmengen geschönter Bilder. Doch wäre diese besondere Situation nicht ein Anlass, einen eigenen, neuen Blick auf den eigenen Körper zu probieren? Bei dem es nicht vordergründig um „Optik“ geht, sondern um Empfindung, Wahrnehmung, Lebensgeschichte? Wäre es nicht spätestens jetzt an der Zeit, die Selfi-Kultur in Frage zu stellen?

Es kommt mir absurd vor, wenn innerhalb der Community brustloser Frauen am Ende die Selfies doch wieder nur dazu führen, dass sich die dickeren brustlosen Frauen mit einem Bäuchlein gegenüber den schlanken Frauen ohne Brust schlechter fühlen.

Mir hat das Lesen des Artikels „Körper haben oder Leib sein“ von Thomas Fuchs geholfen. Er ist so verständlich geschrieben, dass ich gar nicht erst versuchen werde, ihn in eigenen Worten kurz zu fassen. Hier ist er zu finden.

Der menschliche Körper vergeht von Anfang an, mit oder ohne Krankheiten. Je intensiver ich versuche, diesen Prozess aufzuhalten oder zu kaschieren, desto größer wird eines Tages der Bruch sein. Einer Barbie-Puppe fehlt die Vergänglichkeit, das kann man anziehend oder abstoßend finden. Vielleicht ist es sogar beides.

In Japan gibt es eine traditionelle Reparaturmethode für Keramik: Kintsugi. Kaputtes Geschirr wird gekittet – aber nicht etwa in dem Bestreben, die Bruchstellen unsichtbar zu machen. Ganz im Gegenteil erfolgt die Reparatur mit feinsten Metallen u.a. mit Goldstaub. Die Reparatur wird durch die Vergoldung hervor gehoben. Ein repariertes Gefäß wird durch seine Geschichte individueller und kostbarer als ein neu gekauftes. Eine andere Perspektive auf das Vergehen …

(Kintsugi ist auch ein Ausdruck eines besonderen Prinzips der Wahrnehmung von Schönheit, bei der die Vergänglichkeit, das Unperfekte immer mitschwingt: Wabi-Sabi. Wer sich dafür interessiert, findet hier einen leichten Einsteig in diese japanische Ästhetik. Ich freue mich über jede Gelegenheit der Vertiefung…)

Am Ende führt hilft kein Augenwischen: Wir sind fragile Wesen. Unsere Verletzungen gehören zu uns. Sind sie ein Makel? Auf jeden Fall erzählen sie unser Werden. Kann das schön sein? Warum nicht?