Vorgeschichte mit Silikonimplantat

„Da machen wir Ihnen was Schönes.“

Als mir die Ärzte damals mitteilten, sie hätten meine Brust nicht im Gesunden operieren können, es müsste eine zweite Operation erfolgen, war das ein Schock. Denn es hieß, eine weitere brusterhaltende Operation wäre ausgeschlossen. Ich würde eine Brust verlieren, mit noch nicht mal 40 Jahren.

Die Empfehlung für den Brustaufbau folgte unmittelbar nach der Befundklärung. Die Ärztin sagte zu mir: „Da machen wir Ihnen was Schönes.“ Ich hatte meine Zweifel. Erbat mir Bedenkzeit.

Mein erster Gedanke damals war, zur Amputation zu stehen und die Brust nicht durch eine Rekonstruktion oder äußere Angleichung zu ersetzen. Ein „Brustersatz“ kam mir irgendwie fremd vor. Aber mit dieser Einstellung stand ich ziemlich allein da. In der Klinik sagte man mir, ich solle unbedingt darüber nachdenken, sonst würde ich doch „jeden Morgen wieder mit der Krankheit konfrontiert“. Sie schienen es gut mit mir zu meinen.

Tatsächlich bereitete mir der Gedanke, in Zukunft einbrüstig zu sein, einige Bauchschmerzen.

Die Brust – ein Zwilling?

Einen Busen, ein Dekolleté, eine Brust zu haben, heißt üblicherweise zwei Brüste zu haben. Nahezu jedes Oberteil für Frauen orientiert sich an der Symmetrie. Ganz zu schweigen von Unterwäsche, Dessous, Bademode. Würde ich mein komplettes Outfit umstellen müssen, um die Asymmetrie zu kaschieren? Würde ich meine Sachen umnähen, eine Schneiderin beauftragen müssen, um einen Bikini für eine Brust, ein Kleid mit asymmetrischen Ausschnitt, Dessous für eine Brust bekommen zu können? Wie machten andere das? Zu meiner Überraschung gab das Internet kaum etwas her. Ich fand das Amazonenbuch (hier die Presseinfo als PDF) von Uta Melle. Ich war beeindruckt von den starken Bildern der starken Frauen. Sie machten mir keine Angst. Ich fühlte mich von ihnen angezogen. Aber für mich war das, was ich da sah, ein Kunstprojekt. Mir fehlte die Vorstellung, wie dieser radikale Schnitt sich im Alltag, im alltäglichen Umgang mit sehr verschiedenen Menschen, auch in weniger spektakulären Situationen anfühlen würde.

In den Ratgebern, die ich las, hieß es: „Keine Frau muss heutzutage aus der Klinik ohne Brust nach Hause gehen.“ Das klang doch prima. Und wie sollte das funktionieren?

Ich begann, mich mit den empfohlenen Alternativen zu beschäftigen.

Brustepithesen

Ich schaute mir Brustepithesen an und die dazu passende Wäsche. Und ich fand beides fürchterlich. Sollte ich ausgerechnet nach dem Verlust meiner Brust damit anfangen müssen, Büstenhalter in der Materialstärke und -optik einer Rüstung zu tragen, damit die Epithese an ihrem Platz bleibt? Mit Spezialkleber die Epithese am Brustkorb befestigen? Jeden Abend erneut „die Brust abnehmen“ müssen? Könnte ich damit unbefangen umgehen? Würde ich in heißen Sommern, beim Sport ein schwitziges, mehr oder weniger hautfarbenes nippelloses Ding an mir kleben haben wollen? No way! Dachte ich damals …

Brustrekonstruktion

Bei einer Brustrekonstruktion wird versucht, die entfernte Brust so gut wie möglich zu rekonstruieren. Dafür gibt es verschiedene Methoden mit Silikonimplanten, mit Eigengewebe (Haut/Muskeln) oder mit Fett. Beim Aufbau aus körpereigenem Gewebe werden Muskeln und Haut aus unterschiedlichen Körperregionen (Bauch, Rücken) umverlegt, um daraus eine neue Brust zu formen. Die Operationen dauern lang und sind aufwendig. Der Körper muss danach an mehreren Stellen heilen. Es entstehen in mehreren Bereichen Narben. Der umverlegte Muskel fehlt dort, wo er entnommen wurde. Viele Frauen, bei denen das gut verläuft, sind mit dem Ergebnis sehr zufrieden.

Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, eine solche Operation auf mich zu nehmen und an anderen, bislang ganz gut funktionierenden Körperteilen herum schnippeln zu lassen deswegen. Es kam mir also entgegen, dass man mich insgesamt auch für zu mager befand, so dass diese Option nicht weiter erörtert wurde.

Näher lag hingegen der Aufbau mit einem Silikonimplantat. Er versprach eine einfache Lösung. Die Operation ist kurz und weniger riskant. Die Methode eigne sich gut für schlanke Frauen mit nicht allzu großen Brüsten. Es gibt eine große Auswahl an Implantatformen, -größen und -beschaffenheiten. Optisch lassen sich damit ansprechende Resultate erzielen.

Schließlich überwand ich meine Vorbehalte und entschied mich für den Aufbau mit einem Silikonimplantat. Es sollte hinter dem Brustmuskel eingesetzt werden, denn die Ergebnisse mit dieser Methode seien besser, die Komplikationsrate niedriger. Ich ging davon aus, ich könne das Implantat jederzeit wieder entfernen lassen, wenn ich damit nicht zurecht käme.

Womit ich mich nur wenig auseinander gesetzt hatte

Symmetrie

Bei einer Brustrekonstruktion wird vor allem die äußere Form wieder hergestellt. Eine Symmetrie zur natürlichen Brust ist wünschenswert und auf kurze Sicht auch möglich. Aber eine natürliche Brust verändert sich im Laufe der Jahre, durch das fortschreitende Alter, Gewichtsveränderungen u. a. Die natürliche Brust wird dicker, dünner, schlaffer – sie verändert sich, das ist Teil des Lebens. Das Silikonimplantat jedoch behält seine Form. Wenn, was häufig der Fall ist, nur eine Brust rekonstruiert ist, wird nach einigen Jahren die Differenz/Asymmetrie zunehmen. Solange frau einen BH trägt, fällt das weniger auf. Wenn sie nackt ist jedoch deutlich. Und dann steht die Frage nach einer Anpassungsoperation im Raum.

Körpergefühl

Ein Silikonimplantat ersetzt nicht eine natürliche Brust. Die Brust fühlt sich niemals so an wie vorher. Das Silikon hat eine andere Konsistenz, eine andere Temperatur, eine andere Form. Je nachdem, wie dünn der verbliebene Hautmantel ist, ob die Brustwarze erhalten werden konnte und die OP gut überstanden hat, ist die Haut weniger oder kaum noch empfänglich für Berührungen, im schlimmsten Fall einfach taub.

Beweglichkeit

Unabhängig von der Lage des Implantats (über/unter dem Brustmuskel) kann es zu Verklebungen kommen, die sich durch sichtbares Verziehen/Hüpfen bei Muskelanspannung und durch entsprechende Missempfindungen bemerkbar machen. Das ist unangenehm bis schmerzhaft und führt durch Vermeidungshaltung zu Bewegungseinschränkungen.

Abwehrreaktion

Der Körper reagiert auf das Implantat wie auf jeden Fremdkörper – und bildet darum eine Kapsel. Schießt er dabei über das Ziel hinaus, entwickelt sich eine Kapselfibrose unterschiedlich schweren Grades. Gegen die damit verbundenen Beschwerden hilft nur „schön sein und leiden“ oder eine Entfernung des Implantats samt Kapsel. Wünscht die Frau einen zweiten Versuch mit einem Silikonimplantat, muss dieses größer sein, als das vorherige, weil die Gewebetasche nun größer ist. Gut möglich, dass die andere Brust daran „angepasst“ = ebenfalls vergrößert werden muss.

Sehr seltene oder bisher wenig untersuchte Erkrankungen sind Breast Implant Illness oder in Zusammenhang mit Brustimplantaten auftretende Lymphome.

Wer sich für eine Brustrekonstruktion mit Implantaten entscheidet, kann also das Glück haben, mit wenig chirurgischem Aufwand ein schönes Dekolleté gezaubert zu bekommen. Wer sich gleich „beide Brüste machen lässt“, kann sogar die Zeit ein bisschen zurück drehen und statt mit vom Alter gezeichneten schlaffen Brüsten mit „knackigen, runden Äpfeln“ aus der OP erwachen. Früher oder später werden die meisten Frauen mit Silikonimplantaten jedoch wieder „unters Messer“ müssen.

Aber all diese und weitere z. T. seltene Nebenwirkungen und Komplikationen lasen sich im Aufklärungsbogen in etwa wie die ellenlangen Hinweise im Beipackzettel einer Schmerztablette. Und da ich den Schmerz (um den drohenden Brustverlust) loswerden wollte, war ich bereit, die Risiken in Kauf zu nehmen und hoffte, von allzu großen Unannehmlichkeiten verschont zu bleiben.

Nach der ersten Operation

Nach der Operation, bei der das gesamte Drüsengewebe entfernt, ein Brustmuskel teilweise gelöst und das Implantat dahinter platziert wird, bekomme ich ein großes Hämatom, das nur langsam abheilt. Hinzu kommen in den folgenden Wochen und Monaten Beschwerden, mit denen ich nicht gerechnet habe und die ich nicht zuordnen kann: Ein Kribbeln, Stechen, Brennen, Ziehen von der Brust über den Arm bis in die Hand, manchmal auch den Hals, daraus resultierend zunehmend schlimmer werdende Verspannungen. Man tippt auf Lymphstau und verordnet Lymphdrainagen. Empfiehlt mir Geduld und Gelassenheit. Überweist mich schließlich zu einer Psychologin: „Sie sind vielleicht ein bisschen zu empfindlich.“ Ich fühle mich nicht ernst genommen und sehr unwohl in meiner Haut. Oder besser: mit dem Implantat unter meiner Haut. Auf meine Frage, ob das Implantat wieder entfernt werden könne, bekomme ich die Antwort: „Wo denken Sie hin? Dann fangen die Probleme doch erst richtig an!“ Das verstehe ich nicht, aber mir fehlt das Selbstbewusstsein und das nötige Wissen, um zu widersprechen.

Zwei Jahre versuche ich, mich mit der „neuen Brust“ zu arrangieren. Die Beschwerden kommen und gehen, bleiben. Die Brust mit dem Implantat ist manchmal tagelang symptomlos, dann wieder plagen mich Missempfindungen (Brennen, Krabbeln, Stechen) bei gleichzeitiger Taubheit und einem Fremdkörpergefühl. Die Brust verzieht sich zusehends. Ich frage mich, wie ein solcher „Brustaufbau“ den Aufwand wert sein kann, fühle mich verkrüppelt und enttäuscht. Als sich das Implantat dann deutlich sichtbar verformt, werde ich endlich ernst genommen. Meine Gynäkologin überweist mich in eine andere Klinik.

Implantatwechsel

Der Arzt dort ermutigt mich und schlägt einen Implantatwechsel vor. Eine Ursache für die Symptome kann er nicht ausmachen (im OP-Bericht steht später „Kapselfibrose“). Ich bleibe skeptisch. Aber nach einem weiteren Jahr der Verschlechterung stimme ich einer erneuten Operation zu. Das alte Implantat wird nach nur 3 Jahren entfernt. Das neue kommt diesmal über den Brustmuskel, direkt unter die verbliebene Haut. Der Neustart fühlt sich gut an: Ich genieße zwei Sommer unbeschwert in Tops, Bikini und ausgeschnittenen Kleidern. Beschäftige mich kaum noch mit dem Thema. Es tut gut, sich um die Brust keine Gedanken machen zu müssen. Ein bisschen komisch bleibt sie aber, die „falsche“ Brust.

Nach 1,5 Jahren beginnt auch das zweite Implantat zu ziepen und zu zwicken. Noch selten und wenig belastend, aber es kommt mir doch bekannt vor. Und trotzdem das Implantat über dem Brustmuskel liegt, fängt es an, sich mit dem Brustmuskel zu bewegen. Merkwürdig, aber zunächst nur eine Randerscheinung.

Ein neuer Befund

Kurze Zeit später wird bei einer Kontrollmammografie ein neuer Kalkherd in der anderen, bisher gesunden Brust aufgespürt. Wieder Überweisung in die Radiologie, diesmal erfolgt die Probenentnahme mit einer Vakuumstanze. Aufregung kurz vor Weihnachten. Der Befund ist der gleiche wie vor 5 Jahren, aber kleiner. Eine offene Biopsie zur Befundsicherung, das heißt Operation, wird in jedem Fall empfohlen.

Bis zum Termin im Brustzentrum bleibt Zeit zum Nachdenken. Ich spiele die Optionen in Gedanken durch. Bitte schließlich den Arzt darum, eine Lösung für das verklebte – nicht einmal zwei Jahre alte – Implantat zu finden, in derselben Operation die zweite Brust zu entfernen und durch ein Implantat zu ersetzen. Dann wäre zumindest das Erkrankungsrisiko minimiert, ich würde mir den jährlichen Nervenkrieg und die Salamitaktik bei der Behandlung ersparen. 4 Wochen bis zum OP-Termin.

Zu Hause überkommen mich Zweifel. Will ich das wirklich? Zwei Implantate, nach den bisherigen Erfahrungen?

Alles auf Anfang

Nach 5 Jahren Erfahrung mit Brustimplantaten gehe ich noch einmal zurück auf Anfang:
Was ist mir wichtig? Wie will ich leben? Wie finde ich die richtige Entscheidung?

Ich finde es wirklich vollkommen nachvollziehbar, dass Frauen sich nach dem Verlust ihrer Brust dafür entscheiden, zumindest die äußere Form und damit ihre Silhouette wieder herstellen zu lassen und dass sie dafür mehr oder weniger große Unannehmlichkeiten auf sich nehmen. Ich habe es selbst versucht.

Aber will ich dafür weiter und immer wieder Aufwand betreiben, auf der Suche nach dem besten Chirurgen durch die halbe Republik reisen, meine Lebenszeit in Krankenhäusern verschwenden, darauf verzichten, meine Arme, meinen Oberkörper ohne Beeinträchtigung bewegen zu können? Nein, ich will nicht. Kein Aufbauverfahren der Welt wird mir meine Brust zurück geben. Meine Brust habe ich längst verloren und lediglich eine gefühllose Hülle davon behalten. Eine Hülle, von der Andere sagen, sie sähe gut aus, von der ich sage, sie fühlt sich nicht gut an.

Wäre es annehmbar, auf einen Brustaufbau ganz zu verzichten?

Weil ich

  • keine Dauerbaustelle haben möchte (Silikonimplantate sind nicht für die Ewigkeit gemacht)
  • zusätzliche bzw. zum Teil große Operationen scheue
  • nicht andere Teile meines Körpers (Rückenmuskel, Bauchmuskel) beschädigen will, um eine Brust daraus formen zu lassen
  • Silikonimplantate als Fremdkörper empfinde
  • mich uneingeschränkt und ohne Schmerzen bewegen möchte
  • die Spuren, die das Leben auf meinem Körper zeichnet, nicht als Makel sehe
  • mich als Frau erleben kann auch ohne eine (rekonstruierte) Brust – kann ich?

Ich frage den Arzt, ob er mir auch beide Brüste, bzw. das Implantat und die andere Brust entfernen würde. Er antwortet: „Es ist Ihr Körper und Ihre Entscheidung.“ Bevor er die Daten zur OP-Vorbereitung in den Rechner tippt, fragt er noch einmal:

„Alles weg? Endgültig?“
„Ja.“