Wie die Zeit vergeht

Der erste Sommer oben ohne

Der Sommer ist die Zeit, in der ich barfuß laufen, Sonnenlicht und Wärme tanken und den Wind auf der Haut spüren möchte. Es ist aber auch die Zeit, in der die Kleidung knapper und der Körper mit all seinen Eigenheiten sichtbarer wird.

Der erste Sommer nach der Mastektomie war schwierig. Ich habe lange, sehr lange vor dem Spiegel gestanden, T-Shirts, Blusen, Kleider, Tops durchprobiert – und alle körperbetonenden erstmal aussortiert. Die wenigen Kombinationen, die unter meinem eigenen strengen Blick Gnade fanden, habe ich mir gleich notiert, um nicht jeden Morgen vorm Kleiderschrank erneut zu (ver-)zweifeln.

Ich hatte ein bisschen Angst. Vor jeder „ersten“ Begegnung, egal ob mit Fremden oder Freunden, beruflich wie privat. Am meisten vor dem ersten Ausflug ins Schwimmbad mit den Kindern. Die vorgeformten Cups im doppellagigen Badeanzug so einzuschneiden, dass sie flach anlagen, war leichte Sache. Eine andere, darin aufrechten Ganges aus dem Wasser zu kommen. Die scheelen Blicke blieben aus. Dennoch fühlte ich mich unwohl. Ich trug meine Kleidung wie eine Rüstung, bewegte mich auch so und das hatte mit „Summerfeeling“ wenig zu tun. Als der Herbst kam, war ich stolz darauf, es „geschafft“ zu haben – und erleichtert, meinen Körper endlich wieder unter mehreren Schichten verbergen zu können.

Aber hatte ich in der Zeit eine einzige dumme Bemerkung gehört? Hatte sich jemand aufgrund der Tatsache, dass ich keine Brust mehr hatte, mir gegenüber befremdlich verhalten? Hatte sich mein Leben deswegen zum Schlechteren gewendet? Nein, definitiv nicht.

Eine Brust ist eine Brust ist eine Brust

Ich war immer noch ich. Genau so oft deprimiert, fröhlich, entmutigt, enthusiastisch, träge, voller Tatendrang, enttäuscht, optimistisch, … wie früher.

Dennoch hatte sich etwas geändert. Und das konnte ich auch im Spiegel sehen, allerdings nicht in Brust- sondern auf Augenhöhe: Der Gesichtsausdruck einer Frau, die endlich (wieder) mit sich im Reinen war. Überraschend oft spiegelte sich dieser Zustand im Lächeln meines Gegenübers – an der Supermarktkasse, beim Überqueren der Ampel, im Eiscafé. Was mir begegnete, war spontane, positive Resonanz. Die Monate vergingen, die Narben verblassten und mit ihnen verschwand das Gefühl, anders zu sein.

Plan E (wie Epithese)

Ich hatte sie zur Feier meines 45. Geburtstages bestellt und abgeholt. Zusammen mit dem am wenigsten panzerähnlichen BH-Modell. Sie getragen auf dem Weg nach Hause. Wieder abgelegt und im Schrank ganz weit hinten versteckt.

Sie fühlten sich eigentlich toll an, fast sinnlich und aufregend in ihrer Materialität. Sogar auf der bloßen Haut. Nur anschauen konnte ich sie nicht. Wenn ich sie vor mir liegen sah, wirkten sie in etwa so sexy wie eine kamelfarbene Dederonhose mit Bügelfalte. Als wäre ein muschelförmiges Stück Fleisch gerade von mir abgefallen. Hautfarben, minimal angedeuteter Nippel, keine Brustwarze. Bin das ich? Gehört das zu mir? Für erste entschied ich: Nein!

Ich wollte erstmal den flachen Teil von mir akzeptieren. Mit umgeschnallten Fake-Brüsten („foobs“) und dem Wechsel von „oben mit“ und „oben ohne“ fiel mir das deutlich schwerer.

Kommt Zeit, kommt Mut

In den ersten Monaten der Unsicherheit hat es mir sehr geholfen, in Secondhandläden einfach mal auszuprobieren, „was geht“ und was mir gefällt. Ich habe versucht, ein Spiel daraus zu machen, so als würde ich mir Kostüme für eine neue Rolle in meinem Leben suchen. Das hat Spaß gemacht, bekam einen spielerischen Aspekt. Und es gab im Laufe der Zeit schöne Überraschungen. Nach einem Jahr hatte ich für jede Saison die passenden Klamotten und meinen neuen alten Stil gefunden.

Inzwischen trage ich an besonders „mutigen Tagen“ die gleichen Tops wie früher. Ich habe mich an meinen „neuen“ Körper gewöhnt. Und stelle fest: Nicht nur mein Körper verändert sich, auch die Menschen um mich herum werden älter. Altern ist eine sehr fair verteilte Angelegenheit. 😉

Den Gang ins städtische Freibad empfinde ich mittlerweile als überraschend heilsam: Man flaniere zwischen Schwimmbecken und Liegewiese, registriere im Stillen die Vielfalt der Ausformungen und Alterungszustände des menschlichen Körpers und fühle sich in dieser Normalität bestens aufgehoben.

Sommer oben ohne heißt auch, auf BHs und Bustiers verzichten zu können. Kein Kneifen, Drücken, Schwitzen. Und wer mag und sich traut: hauchdünne Stoffe auf bloßer Haut genießen, rückenfrei wagen, … Fühlt sich toll an!

Hin und wieder mogeln sich inzwischen auch zwei künstliche Hügel ins Outfit. Manchmal habe ich tatsächlich Lust darauf und empfinde keine Bedauern mehr, wenn ich sie vorm Schlafen wieder ablegen muss.

Aber das Allerbeste ist etwas ganz anderes:

Ich kann mich endlich wieder so bewegen, wie ich will. Liegestütze inklusive – yes, I can!!!